Während alle über KI sprechen, wächst über unseren Köpfen still ein Markt heran, der bis 2035 die Größenordnung der globalen Halbleiterindustrie erreichen könnte. Wir haben einmal ein paar Fakten zusammgetragen, um das Thema Space Economy etwas greifbarer zu machen.
Wenn du heute eine Pizza bestellst, eine Versicherung abschließt, mit dem Auto zur Arbeit fährst oder deine Wetter-App öffnest, nutzt du die Space Economy. Du merkst es nur nicht.
Die Weltraumwirtschaft ist 2026 keine Zukunftsindustrie mehr – sie ist bereits heute eine Infrastrukturindustrie. So unsichtbar wie das Stromnetz, so unverzichtbar wie das Internet – und in den nächsten zehn Jahren so wachstumsstark, dass die meisten Marktforscher ihre Prognosen alle paar Monate nach oben korrigieren müssen.
Trotzdem ist sie in Deutschland kaum Gesprächsthema. Während amerikanische Investoren ihre Portfolios um Space-Beteiligungen erweitern und chinesische Konzerne staatlich getriebene Mega-Konstellationen aufbauen, fehlt es im deutschsprachigen Raum an Übersicht, an Sprache, an strategischer Aufmerksamkeit.
Die Größenordnung der Weltraumwirtschaft
Laut der jüngsten Ausgabe des Space Economy Reports von Novaspace, dem führenden europäischen Branchenanalysten, hatte die globale Weltraumwirtschaft Ende 2025 ein Volumen von 626 Milliarden US-Dollar. Bis 2034 soll sie auf rund 1 Billion wachsen. Eine gemeinsame Studie des World Economic Forum und McKinsey & Company aus dem April 2024 geht noch weiter und sieht bis 2035 ein Marktvolumen von 1,8 Billionen US-Dollar – mit einem Optimal-Szenario von 2,3 Billionen.
Zum Vergleich: Die globale Halbleiterindustrie wurde 2021 auf etwa 600 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Pharmaindustrie liegt bei rund 1,6 Billionen. Die Space Economy bewegt sich also in einer Liga mit Industrien, die täglich Schlagzeilen machen, nur dass über sie bisher nicht geschrieben wird.
Das durchschnittliche prognostizierte Wachstum: 9 Prozent pro Jahr. Damit wächst der Sektor schneller als die globale Wirtschaftsleistung.
Wo du die Space Economy heute schon nutzt, ohne es zu merken
Die Branche teilt sich in zwei Hälften, eine sichtbare und eine unsichtbare. Die sichtbare sind Raketen, Rakentstarts, Satelliten und Astronauten – das, was in den Nachrichten landet. Die unsichtbare ist viel größer. Drei Beispiele aus deinem Alltag:
Wetter-App und Landwirtschaft. Jede Wettervorhersage auf deinem Smartphone basiert auf Daten von rund 200 aktiven Wettersatelliten. Bauern in Bayern nutzen darüber hinaus bereits Aufnahmen der ESA-Sentinel-Satelliten, um in Echtzeit zu sehen, wo auf dem Feld es zu trocken ist, wo Schädlinge auftreten, wann der optimale Erntezeitpunkt erreicht ist. Was vor zehn Jahren Großbetrieben mit eigenen Beratern vorbehalten war, ist heute über Apps wie xarvio (BASF) oder Klim für jeden Hof verfügbar.
Versicherung nach Naturkatastrophen. Als 2021 das Ahrtal überschwemmt wurde, dauerte die Schadensbewertung Monate. Heute liefern Satellitenanbieter wie das finnische Unternehmen ICEYE oder Planet Labs aus den USA Versicherungskonzernen wie Munich Re und Swiss Re binnen 24 bis 48 Stunden präzise Schadenskarten – aufgenommen aus dem Orbit, auch durch dichte Wolkendecken hindurch. Das verändert die Versicherungswirtschaft fundamental: Schäden werden parametrisch erfasst, Auszahlungen automatisiert, ganze neue Versicherungsprodukte werden möglich.
Navigation und Logistik. Uber, DHL, Lieferando, Google Maps, der Tesla-Autopilot, das Navi im Firmenwagen – nichts davon funktioniert ohne die rund 30 GPS-Satelliten und ihre europäischen (Galileo), chinesischen (BeiDou) und russischen (GLONASS) Gegenstücke. Eine Studie der amerikanischen RTI International schätzte den wirtschaftlichen Wert von GPS für die US-Wirtschaft seit der Inbetriebnahme auf 1,4 Billionen Dollar. Galileo, das europäische Pendant, ist seit 2016 voll operativ und liefert dem Standort Europa technologische Souveränität in einem Bereich, der ohne eigene Infrastruktur jederzeit abschaltbar wäre.
Infografik: Space Economy
Space Backbone & Space Reach: Warum die spannende Hälfte unsichtbar ist
McKinsey und das World Economic Forum unterscheiden in ihrer Studie zwei Bereiche: das Backbone (Satelliten, Trägerraketen, Bodensegment, GPS) und die Reach-Anwendungen (alles, was darauf aufbaut – von Uber bis zur Wetter-App).
2023 war das Verhältnis noch ausgewogen: 330 Milliarden Backbone, 300 Milliarden Reach. Bis 2035 verschiebt sich das deutlich. Backbone wächst auf 755 Milliarden, Reach jedoch auf über eine Billion. Das bedeutet: Mehr als die Hälfte des kommenden Wachstums entsteht nicht in der Raumfahrtbranche selbst, sondern in Branchen, in denen Raumfahrttechnologie eingebettet wird.
Fünf Industrien werden laut WEF mehr als 60 Prozent dieses Reach-Wachstums tragen: Lieferketten und Transport, Lebensmittel und Getränke, staatliche Verteidigung, Einzelhandel, Konsum- und Lifestyle, sowie digitale Kommunikation. In genau diesen Feldern, mit Ausnahme der reinen Konsumgüterindustrie, ist die deutsche Wirtschaft strukturell stark. Wenn diese Vorhersage stimmt, ist die Space Economy für DACH keine Außenseiterindustrie, sondern ein Hebel für die bestehenden Stärken.
Drei Treiber, die das Wachstum im Weltraum erklären
Das Tempo der Industrie hat einen klaren Grund. Drei strukturelle Verschiebungen passieren gleichzeitig.
Erstens: Die Startkosten sind kollabiert. Vor 15 Jahren kostete der Transport eines Kilogramms in den Erdorbit etwa 20.000 US-Dollar. Mit SpaceX‘ Falcon 9 sind es heute rund 1.500 Dollar, mit dem im Aufbau befindlichen Starship sollen es perspektivisch unter 200 Dollar werden. Diese Kostenkurve ist der Grund, warum Geschäftsmodelle, die noch vor zehn Jahren absurd wirkten – Tausende von Internet-Satelliten, Pharma-Produktion in der Schwerelosigkeit, Werbung am Nachthimmel – heute durchgerechnet werden.
Zweitens: Verteidigung und Souveränität sind zu Top-Prioritäten geworden. Die ESA-Mitgliedsstaaten beschlossen im November 2025 in Bremen einen Rekordhaushalt von 22,1 Milliarden Euro für 2026 bis 2028, ein Plus von rund 30 Prozent gegenüber dem vorigen Zyklus. Erstmals erhielt die ESA dabei ein klares Mandat für sicherheits- und verteidigungsrelevante Anwendungen. In den USA wurde mit der Golden-Dome-Initiative ein 25-Milliarden-Dollar-Programm zur Raketenabwehr aus dem All gestartet. Die EU plant ab 2028 mit dem European Competitiveness Fund 131 Milliarden Euro für Verteidigung und Raumfahrt, eine Verfünffachung gegenüber dem aktuellen Budget. Souveränität im Orbit ist keine geopolitische Theorie mehr.
Drittens: Privates Kapital fließt auf Rekordniveau. Die spezialisierte Investmentfirma Space Capital meldete für 2025 ein Volumen von 55,3 Milliarden US-Dollar privater Investitionen in Weltraumunternehmen – das drittstärkste Jahr aller Zeiten. Allein das vierte Quartal 2025 brachte 17 Milliarden Dollar. Anders als beim spekulativen SPAC-Boom 2021 fließt das Geld diesmal in Unternehmen mit erprobter Technologie und harten Umsätzen: Verteidigungs-Startups, etablierte Earth-Observation-Anbieter oder Anbieter von Satellitenkommunikation.
Was in den nächsten fünf Jahren auf uns zukommen könnte
Die Beispiele aus dem Alltag sind nur der Anfang. Drei Entwicklungen, die in den nächsten zwei bis fünf Jahren den Alltag und die Wirtschaft konkret verändern werden:
Satelliten-Internet auf jedem Smartphone. T-Mobile USA und SpaceX haben Ende 2024 begonnen, Direct-to-Cell-Dienste auszurollen: Standardhandys empfangen direkt Satellitensignale, ohne Spezialantenne, ohne Zusatzgerät. In Europa arbeiten Vodafone und AST SpaceMobile am gleichen Thema. Mittelfristig wird das Funkloch ein Konzept aus dem 20. Jahrhundert sein. Für Bergrettung, Katastrophenkommunikation, autonomes Fahren in ländlichen Räumen und IoT-Anwendungen ist das ein massiver Einschnitt und für Mobilfunkanbieter eine strategische Frage des Jahrzehnts.
Medikamente aus dem All. Das kalifornische Unternehmen Varda Space Industries (Series-C-Finanzierung im Juli 2025: 187 Millionen Dollar, Gesamtvolumen 329 Millionen) hat zwischen 2023 und 2025 drei Kapseln mit pharmazeutischen Wirkstoffkristallen aus der Schwerelosigkeit zur Erde zurückgebracht. Bristol Myers Squibb und Merck testen seit Jahren auf der ISS, weil sich bestimmte Kristallstrukturen in der Mikrogravitation präziser herstellen lassen als auf der Erde. Realistisch ab 2027 bis 2030: erste Medikamente, deren Wirksamkeit nur dank Weltraumproduktion erreichbar ist. Ziel-Markt sind monoklonale Antikörper – heute weltweit ein 210-Milliarden-Dollar-Geschäft.
Die erste private Raumstation. Im Mai 2026 startet das US-Unternehmen Vast Space mit Haven-1 die erste eigenständige kommerzielle Raumstation. Ende der 2020er folgen Axiom Station, Orbital Reef von Blue Origin und Sierra Space sowie Starlab eines Konsortiums um Voyager Space und Airbus. Wenn die ISS wie geplant 2030 abgeschaltet wird, gibt es zum ersten Mal seit den 1960er Jahren keine staatliche westliche Raumstation mehr – nur noch private Betreiber, die Forschungszeit, Manufacturing und perspektivisch Aufenthalte verkaufen. Das verändert die Logik bemannter Raumfahrt grundlegend.
Wo Deutschland in der Space Economy steht
Die ehrliche Antwort: gut, aber nicht großartig. Deutschland ist mit Abstand größter Beitragszahler der ESA und steuert rund ein Viertel des neuen 22-Milliarden-Budgets bei. Mit OHB SE haben wir einen etablierten Satellitenbauer in Bremen. Und in den letzten Jahren ist eine NewSpace-Szene entstanden, die internationale Aufmerksamkeit zieht.
Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München erreichte im Juni 2025 mit einer 150-Millionen-Euro-Wandelanleihe des amerikanischen Investors Eldridge Industries (Todd Boehly) eine Bewertung von einer Milliarde US-Dollar – Deutschlands erstes Raumfahrt-Unicorn. Die Trägerrakete Spectrum soll Europa unabhängiger von ausländischen Launch-Anbietern machen. Der erste Teststart im März 2025 endete zwar mit einem Absturz, aber Rückschläge sind in dieser Branche Teil der Lernkurve, auch SpaceX brauchte vier Anläufe.
The Exploration Company, gegründet von der ehemaligen Airbus-Managerin Hélène Huby, entwickelt das wiederverwendbare Raumfahrzeug Nyx, das ab 2028 zur ISS und später zu kommerziellen Stationen fliegen soll.
OroraTech aus München baut einen „digitalen Zwilling der Erde“ mit Thermalsatelliten zur Waldbrand-Früherkennung. LiveEO aus Berlin nutzt Satellitenbilder zur Infrastrukturüberwachung. Constellr aus Stuttgart liefert Thermaldaten für die Landwirtschaft.
Was fehlt, ist die finanzielle Skalierung. Während US-Startups mit Series-C-Runden über 200 Millionen Dollar kein Aufsehen mehr erregen, ist die 150-Millionen-Runde von Isar Aerospace für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich. Die Europäische Investitionsbank hat im November 2025 ihre erste dedizierte Finanzierungsfazilität für Raumfahrtunternehmen aufgelegt.
Quellen: Novaspace Space Economy Report (Januar 2026); World Economic Forum & McKinsey „Space: The 1.8 Trillion Dollar Opportunity for Global Economic Growth“ (April 2024); Space Capital Space IQ Q4 2025; ESA Pressemitteilungen Ministerial Council Bremen (November 2025); deutsche-startups.de; Sacra Research SpaceX und Starlink (April 2026); Varda Space Industries.

